Studienfahrt nach Brüssel

Vorwort

Alles begann im Frühjahr 1011: Neben Vertretern anderer Parteien diskutierte auch BIRGIT SCHNIEBER-JASTRAM von der CDU – ehemalige Bundestagsabgeordnete, Sozialsenatorin und Stellvertretende Bürgermeisterin Hamburgs in der Amtszeit Ole von Beus – mit Oberstufenschülern über das weite Feld „Europa“. Schließlich tragen wir ja den Namen „Europa-Gymnasium“, und diese Schlussveranstaltung einer Projektwoche sollte ein deutliches Bekenntnis zu diesem Namen und Thema sein. Aus dieser ersten Entwicklung entwickelte sich ein Kontakt, der bis in die Gegenwart reicht, der ein Jahr später, im April 2012, zu einem zweitägigen Besuch in der „Hauptstadt Europas“, in Brüssel, führte und im Oktober 2013 eine Wiederholung erlebte.

Seinerzeit fuhren ein Dutzend SchülerInnen eines Profilkurses PGW dorthin – auf großzügige Einladung des Europa-Parlamentes, dessen Mitglied Frau Schnieber-Jastram seit Beginn dieser Legislaturperiode ist (2009). Wir waren wirklich „Gäste“ des CDU-Büros; das drückte sich in der umfangreichen Planung und Gastfreundschaft aus, das zeigte sich auch in der Finanzierung dieser Exkursion, die den Teilnehmern nur einen kleinen, symbolisch zu nennenden Obulus abverlangte. Dies sei keineswegs als Parteienwerbung erwähnt und auch nicht als Werbung für eine Politikerin, denn Frau Schnieber-Jastram wird sich nicht für eine weitere Sitzungsperiode um diesen Europa-Parlamentsplatz bemühen.

Das Programm der 48 Stunden war prall gefüllt, war aber auch so informativ und spannend, dass aus dieser ersten Begegnung diese Wiederholung verabredet wurde – was auch ausdrücklich als Anerkennung des hervorragenden Verhaltens der Schülergruppe verstanden werden darf! -, dass für ein Jahr später eine Wiederholung geplant wurde, die sogar einen Tag länger dauern sollte. Und von dieser Drei-Tage-Studienfahrt nach Brüssel werden im Folgenden die Beiträge der Teilnehmer und ausgewählte Fotos Zeugnis ablegen.

Ein Blick in die Zukunft erfährt keine definitive Antwort auf die Frage nach einer möglichen weiteren Fortsetzung, dies liegt buchstäblich in den zwölf EU-Sternen. Wenn wir einen Wunsch äußern dürfen, dann würde er – natürlich – auf eine Wiederholung während der jährlichen Projektwoche abzielen: Wir sind weiterhin aus Überzeugung eine zertifizierte Europa-Schule, und dies verpflichtet einerseits. Andererseits ist eine Realbegegnung mit dem Europa-Parlament (vielleicht auch einmal in Straßburg?), mit der Kommission und dem Hanse-Office, der offiziellen Hamburg-Vertretung in der Europäischen Union, eine ungemein ergiebige Bereicherung des Schulalltags und damit der Kenntnisse und Haltungen der SchülerInnen zu Europa. Ich bin mir des Verständnisses unserer bisherigen Gastgeber und Partner, denen unser herzlichsten Dank gilt, sicher, wenn ich an dieser Stelle sage: Es geht in erster Linie nicht um eine politische Verbindung zwischen Schule und Veranstalter, sondern um dieses reale Erleben von Europa. Und es ist überhaupt nicht selbstverständlich, dass Hamburg weiterhin einen Sitz in diesem Parlament hat und dass er weiterhin von der CDU besetzt wird; das müssen die Wahlergebnisse im Mai 2014 entscheiden. Aber es wäre schon sehr zu begrüßen, wenn die Hansestadt weiterhin direkt im Parlament Europas vertreten wäre. Unsere Partnerschaft war für die Mitarbeiterinnen des Büros durchaus eine Freude und für uns eine nachhaltige Begegnung mit einem in der Zukunft immer wichtiger werdenden Thema.

Hans-Joachim Berg

BRÜSSEL-BESUCH

Stadtführung

 

Der Besuch in Brüssel begann, nachdem wir unsere Zimmer bezogen hatten, mit einem längeren Fußmarsch bei nicht gerade optimalem Wetter zu unserem ersten Treffpunkt in der Nähe des Königlichen Schlosses und des belgischen Parlamentes. Ein Spaziergang durch diesen Teil der Stadt benutzte unsere Führerin zu einem Vortrag über den Staat „Belgien“ und seine Hauptstadt „Brüssel“. Verhältnismäßig viel Platz nahm dabei die Erläuterung des Flämisch-Wallonischen Konfliktes ein.
Eine „normale“ Landkarte Belgiens zeigt nicht, dass dieser Staat zweigeteilt ist: in den flämischen Norden und den wallonischen Süden. Damit nicht genug gibt es als eine „dritte Region“ die Hauptstadt Brüssel, die geographisch etwa in der Mitte Belgiens, aber „politisch“ im Süden Flanderns liegt. Als Hauptstadt hat Brüssel eigentlich einen verbindenden, ausgleichenden Auftrag und spiegelt praktisch den Nationalitäten- und Sprachenkonflikt des ganzen Landes wider. Die Hauptstadt ist bemüht, zwischen den Volksgruppen zu vermitteln, indem man versucht, beide Bevölkerungsgruppen gerecht zu behandeln: es gibt weiterführende Schulen mit Französisch und solche mit Niederländisch als erster Sprache.
Uns wurde deutlich, dass dieser Sprachenstreit aber nur eine äußere Verkörperung tiefer sitzender Konflikte ist: Die einen fühlen sich von den anderen unterdrückt und diskriminiert, was oftmals eine jahrhundertelange Vorgeschichte und vor allem wirtschaftliche Inhalte hat. Offensichtlich gibt es nur schwache Ansätze (wenn überhaupt), aus den Gruppen selbst heraus einen Ausgleich zu suchen und zu finden. In diesem Zusammenhang ist der Gedanke einer Zweiteilung des Staates, einer Trennung der Flamen von den Wallonen, nicht fern (wie z.B. vor zwanzig Jahren in der Tschechoslowakei: Tschechien und Slowakei). Während unseres Aufenthaltes fand in Brüssel ein wichtiges Fußballspiel statt, mit dem sich Belgien, im Falles eines Sieges, für die Fußball-WM 2014 in Brasilien qualifizieren könnte; aber da gab es das Problem: Wie sollte oder könnte man diese belgische National-Mannschaft anfeuern? Man einigte sich auf das englische (!) Wort „Belgium“…
Und in uns entstand die Frage: Wie kann man von einem Staat und seiner Bevölkerung Impulse für eine Einigung verschiedenster europäischer Volksgruppen und Staaten erwarten, wenn dieser Staat und seine Menschen nicht einmal den eigenen Staat hinter einer gemeinsamen Idee vereinigen können? Die Stadt Brüssel besteht im Prinzip aus drei verschiedenen „Städten“, von denen einer „Europa“ heißen könnte, der neben den zwei anderen, der Ober- und der Unterstadt, liegt.

(Joanna/Princilla/Rafia)
Stadtrundgang

Parlamentarium

Aufgrund der Tatsache, dass der diesjährige Besuch um einen Tag verlängert worden ist, worüber wir als diesjährige Teilnehmer sehr froh waren, war der ganze Mittwoch „europäisch“ eingeteilt.

Zuerst besuchten wir das sogenannte „PARLAMENTARIUM“. Der Name ist kein Schreibfehler, sondern Programm. Es liegt im Willy-Brandt-Gebäude, in unmittelbarer Nähe und gegenüber dem Europäischen Parlament. Obwohl es nach dem deutschen Bundeskanzler der frühen Siebziger Jahre und dem Friedensnobelpreisträger des Jahres 1971 benannt ist, ist das ganze eine permanente Ausstellung, die sich mit der Entwicklung der Europäischen Gemeinschaft von 1958 bis in die Gegenwart beschäftigt und dabei natürlich einen Schwerpunkt auf die Geschichte und Entwicklung des Europäischen Parlamentes legt.. Mit Hilfe eines tragbaren Multimedia-Guides kann jeder gezielt Informationen über die Details einholen, die ihn besonders interessieren. Das Wort „Museum“ würde der technischen Ausstattung nicht gerecht werden, es wäre viel zu „museal“. Man muss wirklich sagen: Die Aufbereitung ist äußerst beeindruckend!

(Michal)

Europäisches Parlament

Der nächste Schritt führte uns über den dazwischen liegenden Platz zum Europäischen Parlament. Ein tschechischer Mitarbeiter, der ein launiges österreichisches Deutsch sprach und jeden von uns, der sich als nicht-deutschstämmig vorstellte, in dessen Muttersprache begrüßen konnte, führte uns in die Arbeit des EP ein. Mit viel Begeisterung und Humor erzählte er uns von der Vielzahl der Berufe und der Vielfältigkeit der Aufgaben, denen sich ein Mitarbeiter des EP stellen müsse.

Dann kam unsere Gastgeberin, Frau Birgit Schnieber-Jastram! Unsere Fragen und ihre Antworten drehten sich natürlich vor allem um ihre jetzige Arbeit als Mitglied der CDU-Gruppe in der Fraktion der Europäischen Volksparteien (EVP). Diese innere Struktur des Parlamentes sorge dafür, dass – anders als in nationalen Parlamenten und besonders anders als in Zeiten von Wahlkämpfen – der persönliche Umgang der Abgeordneten untereinander sehr persönlich und locker sei: Man habe ein durchaus gemeinsames übergeordnetes Ziel, nämlich die Verstärkung des europäischen Gedankens gegenüber der Durchsetzung nationaler oder gar parteipolitischer Interessen. Jeder Redner hat nur wenige Minuten Zeit, von denen man selbstverständlich die ersten Sekunden reserviere für eine Danksagung an den produktiven Redebeitrag des Vorredners. Man müsse bei jeder – durchaus kritischen – Beurteilung der Position dieses Europäischen Parlamentes bedenken, woher es komme, was es also inzwischen erreicht habe, und dass es sich vollkommen darüber im Klaren sei, dass noch viel Arbeit zu leisten sei, um wirklich ein „Parlament“ zu sein. Es wird dies ohne Frau Schnieber-Jastram unternehmen müssen, denn sie wird am Ende der Legislaturperiode im Frühjahr 2014 nicht wieder kandidieren, sondern wohl ihre politische Karriere beenden.

Hanse-Office

Adresse: Avenue Palmerston 20 – ein sehr feines Haus in einer Reihe sehr feiner Häuser, Typ: Stadtvilla. Dort zu arbeiten sollte schon deswegen Freude bereiten.

Wir wurden herzlich empfangen von einem der maßgeblichen Mitarbeiter und einer seiner Kolleginnen.

Womit befasst sich das Hamburg-Schleswig-Holstein-Büro? Erklärung des Namens: Die Freie und Hansestadt Hamburg entwickelt sich immer mehr zu einer Metropol-Region, die Anziehungskräfte ins Umland ausstrahlt, und dies vor allem nach Norden, in das benachbarte Bundesland Schleswig-Holstein.

Es gibt also gemeinsame Abteilungen für die Bereiche Wirtschaft, Verkehr, Justiz, Innen-, Sozial-, Regional- und Finanzpolitik Die Aufgaben werden von 6 bis 8 Referenten erledigt, die unterstützt werden von einer Handvoll Auszubildender und wenigen weiteren Mitarbeitern. Für sie gibt es also viel zu tun, um die Ziele dieser Regionalvertretung zu erfüllen.

Zwischenfrage: Und wenn es nun einmal eine Konkurrenzsituation gibt zwischen Hamburg und S-H? Wie z.B. in diesem Sommer in Bezug auf die Austragung einer Messe zum Thema Windenergie; Husum oder/und Hamburg? Die Antwort war ausgesprochen diplomatisch…

Man erläuterte uns ausführlich die Wichtigkeit dieser Vertretung der beiden Bundesländer bei der Europäischen Union: Die Mitarbeiter horchten also permanent in die politischen Szenerien der EU hinein und versuchten, stets auf dem neuesten Stand der Diskussionen in Bezug auf die o.a. Fachgebiete zu sein, um die entsprechenden potentiellen Ansprechpartner in der „Heimat“ zu warnen oder fit zu machen. Manchmal geht es dabei um Ideen und Pläne noch in der Entstehungsphase, bei denen es wichtig sein könnte, möglichst frühzeitig eingreifen zu können; oft aber um die Entwicklung und den aktuellen Stand von Projekten, die irgendwie die Interessen der beiden Bundesländer berühren könnten, nicht nur im negativen Sinne.

Aufgabe der Mitarbeiter ist es also auch, möglichst oft dabei zu sein, wo Entscheidungsträger zusammenkommen, und Augen und Ohren aufzusperren, damit einem nichts entgeht. Sie sind praktisch Lobbyisten der beiden Bundesländer.

Kritischen Geistern könnte hier auffallen, dass in gewisser Weise dem europäischen Gemeinschaftsgedanken zuwidergehandelt wird, denn was diese Damen und Herren für Hamburg und Schleswig-Holstein tun, machen andere natürlich auch für ihre Region, in Deutschland, aber auch in den anderen europäischen Mitgliedsstaaten. Für Hamburg z.B. ist dabei besonders wichtig, was die anderen Großhäfen in Westeuropa planen und durchführen, also Rotterdam und Antwerpen. Und nicht zu vergessen: Wilhelmshaven. Und dieser Konkurrenzhafen liegt bekanntermaßen in Niedersachsen. Für Hamburg sei, so die Erläuterung, das Thema „Elbvertiefung“ von außerordentlicher Bedeutung. Aber an die Elbe grenzen drei Bundesländer, und die Konkurrenz, deretwegen die Hafenverwaltung dies möchte, liegt in den Niederlanden und Belgien – also ein Thema, das nicht nur innerdeutsche Auswirkungen habe, sondern auch auf europäischer Ebene entschieden werden könnte. Frühzeitige Informationen über den Stand der Dinge in Brüssel, was ja auch in Belgien liegt…, könnten sehr, sehr wichtig sein. Welch‘ eine wichtige Aufgabe für dieses Hanse-Office!

Man kann übrigens als Praktikant/-in versuchen, „europäische Luft“ zu schnuppern: www.hanse-office.de. Schwer beeindruckt verließen wir dieses noble und so wichtige Haus.

Europäische Kommission

Durch den Leopolds-Park ging es dann weiter zur Europäischen Kommission. Auch dieser Besuch war durch die Verlängerung unseres Aufenthalts möglich geworden.

Sie gehört zu den vier wichtigsten Institutionen der EU, allgemein wird sie als Exekutive der Union bezeichnet, gleichzeitig ist sie aber so etwas wie eine „Legislative“., denn ihr obliegt die Ausarbeitung von Gesetzen der Europäischen Union, über die dann im EP diskutiert und abgestimmt wird. Eine weitere Kernaufgabe ist die Verwaltung und – zusammen mit dem Europäischen Gerichtshof – Kontrolle der europäischen Gesetze und ihrer angemessenen Umsetzung in den Mitgliedsstaaten. Verstöße gegen Europäisches Recht können von der Kommission mit Geldstrafen für die „Sünder“ (Staaten und Wirtschaftsunternehmen) geahndet werden.

Die Kommission wird von einem Präsidenten geleitet, die einzelnen Aufgabengebiete sind an 28 Kommissionsmitglieder verteilt. Dieser Präsident wird vom Europäischen Rat, der Versammlung der Staatspräsidenten und Regierungschefs der Mitgliedsstaaten, bestimmt, er wiederum verteilt die Kommissionsressorts, die dann vom jeweiligen Mitgliedsstaat personell besetzt werden, was wiederum auch die Zustimmung des EP braucht.

Dies und andere Einzelheiten wurden uns in einem Referat mitgeteilt, das uns am Ende eines kompakten Informationstages an den Rand der Aufnahmefähigkeit führte. Aber der Referent gab sich viel Mühe und verschwieg auch nicht die aktuelle Diskussion um die demokratische Legitimation dieser Institution, denn sie ist (noch) meilenweit von einer Wahl durch die europäischen Bürger entfernt, obwohl sie mit ihren Entscheidungen oftmals erheblich in deren Leben eingreift.

(Finn – Lasse / Goekan)

17. Oktober 2013

Rückfahrt

Am Ende unserer Studienfahrt nahmen wir mit, dass Brüssel nicht nur politisch, sondern auch architektonisch und geschichtlich viel zu bieten hat: Ein unvergessliches Erlebnis ist der „Große Markt“, das Zentrum mit den alten Patrizierhäusern, tagsüber, aber vor allem in der Dunkelheit, wenn die Häuser illuminiert sind. Brüssel ist eine der wichtigsten Städte des Jugendstils mit seiner äußerst dekorativen Art Nouveau. Hier findet der Besucher auch die Patisserien, in denen man köstliche Schokolade und Pralinés erwerben kann, und die Imbissstuben mit Pommes Frites, die Gerüch(t)en zufolge eine belgische Erfindung sein sollen…

Ja, in Brüssel kann man gut essen – man muss nur wissen, wo. Und dafür hatten wir unsere Gastgeberinnen: Frau Schnieber-Jastram und ihre Mitarbeiterinnen. Zu dieser Studienfahrt gehörten zwei sehr gesellige Abendveranstaltungen mit wohlschmeckenden Speisen aus der europäischen Küche.

Wir hoffen, dass in den nächsten Jahren noch viele Gruppen mit Schülern unseres Europa-Gymnasiums die Gelegenheit haben, Europa in seinem Herzstück Brüssel kennenzulernen! Sie werden dann wohl eine andere Hamburger Organisationszentrale erleben – vielen, vielen Dank, Frau Martens ! – ; und wer dann Gastgeber in Brüssel sein wird, wissen wir erst im Sommer 2014.

Herzlichen Dank an Frau Schnieber-Jastram und ihr Team!

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